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„Die Therapie Luthers“ von Frank Sacco

 

  

 

Vorwort Müller: Was eigentlich eine kleine Veralberung unter Freunden sein sollte, hat sich nun zu einem Artikel ausgewachsen. Frank Sacco hat die Herausforderung angenommen, eine Therapie Luthers abzuliefern, und sich an das protestantische Denkmal herangewagt. Sieh da, es ist eine Analyse draus geworden, die humorvoll einsteigt und dann schnell auf wahrlich therapiebedürftige Abgründe stößt (Bild: Sacco).

 

 

 

Die „Therapie“ Luthers

von Frank Sacco

 

Auf einen Wunsch hin, ich möge Luther „therapieren“, will ich gern antworten. Allgemein bekannt ist natürlich, dass einmal Gestorbene nicht den Wunsch nach einer Therapie äußern. Tot ist eben tot. Lebenden hingegen hilft oft eine Psychoanalyse Luthers. Sie kommt hier:

Wie so oft zu beobachten, wurde auch Luther Mönch aus Gottangst. Man unterwirft sich dem geltenden  Dogma vollständig. Diese Unterwerfung wird zum Rettungsring. L. scheiterte aber in dieser Aufgabe, da er in seinen Augen zu oft sündigte und mit der Buße nicht hinterherkam. Der Bußgürtel und seine durchgescheuerten Knie, er war ja die Stufen zum Petersdom auf Knien hinaufgegangen, und seine, den jungen L. beinahe ihn tötende Askese brachten ihm nicht das Gefühl eines ihm „gnädigen Gottes“. „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott“, rief L. aus. Er fand (für sich) eine Antwort.

 

Auf sexuellem Gebiet, und nicht nur da,  verhielt L. sich sündig. Er wird onaniert haben – wie nahezu jeder Mönch. Und ihm verlangte nach Sexualität mit einer hübschen Nonne. Das alles ist völlig o.k., hat doch auch Jesus wahrscheinlich onaniert und wie jeder normale ausgewachsene Mann Sex gehabt. Wer Jesus für nicht normal erklärt, der sündigt. Aber Sex im Mönchsleben ist halt im Katholizismus wie nahezu jeder Sex zur Sünde erklärt. Was lag L. nun näher, als im egoistischen Eigensinn das Dogma seiner Kirche, gutes und damit unsündiges Verhalten würden vor der Hölle bewahren, abzuschaffen. Hierin liegt  die Neuerung Luthers. Nicht auf das irdische Verhalten und Nächstenliebe kommt es nun beim „Jüngsten Gericht“ an, sondern auf den Glauben an Gott, die Auferstehung Jesu und überhaupt das Nicht-in Zweifel-Ziehen der Märchen, Wunder und der sonstigen Unglaubwürdigkeiten  unserer Religion. Luther ersetzt also ein Dogma durch ein noch rigideres und fundamentalistischeres, das er aus Johannes 15 ableitete.

Was für L. seine individuelle Rettung bedeutete, hat sich allerdings für ein Heer von protestantischen Gläubigen als Katastrophe erwiesen. Luthers Abschaffung der oft zu Recht belächelten, aber im Grunde sehr wirkungsvollen Vergebungsrituale der katholischen Kirche als da sind Beichte, Segen urbi et orbi, Ablass, wirkliche Vergebung und reinigendes Fegefeuer, macht den Protestantismus noch einmal fundamentalistischer als die Urreligion. Das lange Warten auf Jesu Entscheidung am Jüngsten Tag, ob man nun wirklich genug Unglaubwürdiges geglaubt hat, ist zermürbend und belastet das ganze Leben eines Protestanten wie ein ihn immer bedrohendes Fragezeichen. Das gilt umso mehr für Kinder. Die erkennen im Kirchen-Jesus zunächst noch den Verbrecher, der er ist. Denn  dieser „Jesus“ plant zum einen den Holocaust Apokalypse mit den Strafmitteln Ertränken und lebendig Verbrennen Ungläubiger. Zum anderen kündigt er in seiner Bergpredigt ein ewig folterndes Straffeuer an. „Pfui Jesus“, wollen wir da rufen, doch der wirkliche Christus war kein Hitleräquivalent oder ist gar, was der Kirchenautor Hans-Werner Deppe behauptet: „schlimmer als Hitler“. Wird ein Kind erwachsen, ist es also psychologisch-neurologisch dann zu dem Akt der Verdrängung fähig und damit in der Lage, sich diesen offensichtlichen Verbrecher als einzig „sündenfreien“ Menschen zu verinnerlichen, sieht es im Jesusbild seiner Kirche oft nur noch den „Retter“ und fängt an, ihn nach Vorschrift zu lieben, statt ihn zu fürchten. Man hofft dann, dieser Jesus liebe zurück. „Jesus liebt mich“, steht dann plötzlich auf dem T-Shirt eines an sich Glaubenskranken. 

 

Doch im Unterbewussten bleibt das Kindheitstrauma virulent und bewirkt, dass es auf unseren Geschlossenen Abteilungen mehr Protestanten als Katholiken gibt. Zahlenmäßig herrscht als Krankheit dort das Sacco – Syndrom vor, versteckt in Neurosen, Autismus, Schizophrenien, endogenen Depressionen, Süchten  und Suizidgedanken. Die Gedanken der Patienten kreisen dort um Schuld und Schuldgefühle, die eigentlich „Sündengefühle“ darstellen.  Das Schreckliche an diesen Gefühlen ist nicht etwa die begangene „Sünde“ selbst, sondern der verdrängte Gedanke an die erwartete ewige Bestrafung der „Sünde“, so klein diese auch gewesen sein mag. Der Gott meiner Kirche, sein Sohn und besonders der Heilige Geist sind da recht pingelig, wenn nicht gar hysterisch krank.

 

Die Zusammenhänge werden aber als solche nicht von unseren Psychiatern erkannt, da sie selbst die Erkrankung Gottangst aufweisen. Sie sind, oft ohne es zu wissen, ebenso gläubig wie ihre nordamerikanischen Kollegen (L.I. Hofmann, Doktorarbeit, Uni Oldenburg). Ich schrieb ein Buch darüber (Verlag BoD), das auch kostenfrei im Internet vorliegt: „Die Neurose Sigmund Freuds als Kollektivneurose“. Mein Kollege Dr. Rainer Hakimi, tätig im ärztlichen Qualitätsmanagement Stuttgart, schreibt: „Was wehren Psychotherapeuten mit ihrer sehr auffälligen Auslassung des Themas „Glauben“ ab?“. Denn über die größte Angst des Menschen, die Angst vor ewiger Folter wird von meinen Kollegen nicht gesprochen. Die ist tabu und somit arbeitet man hier unqualifiziert.  Wie jedes Tabu soll es Schutz dem geben, der es errichtet. Nun, die Antwort ist jetzt in stichhaltiger Begründung vorliegend – und das nicht zur unbedingten Freude unserer Psychiater. Ich habe sie schließlich gegen ihren erklärten Willen psychoanalysiert. Aber ich habe ihnen auch den Weg aus ihrer Krankheit aufgezeigt. Die Suizidrate unserer Nervenärzte ist schon extrem hoch. Und ich habe der Psychiatrie mit der Therapieform EAT  die Möglichkeit zu einer kausalen Therapie für ihre oft schwer kranken Patienten an die Hand gegeben, wo man bisher mit Neuroleptika, Antidepressiva und Verhaltenstherapie nur an der Beseitigung von Symptomen, nicht aber an der Auflösung der Erkrankung  selbst arbeitete.