Schopenhauer und die Depression

 

 

Schopenhauer war ein Realist und zwar paradoxerweise ein Realist wahrscheinlich ohne eine ihn dominierende Depression. Endogen Depressive sind ebenfalls Realisten. Sie sehen diese Welt bzw. diese Erde in ihrer ganzen Grausamkeit. Schopenhauer hatte ein Schlüsselerlebnis. Er sah in einem Museum eine Galeere mit über Folter zum rudern angetriebenen Sklaven. Auch ein Blick in den Paderborner Suppentopf (Jesus am Kochtopf) hätte für eine derartige Grenzsituation bei ihm durchaus ausgereicht.

 

Der Depressive sieht sich mit seiner Weltanschauung alleine. Er kann die „Gesunden“ nicht verstehen. „Gesunde“ sind im Regelfall, und zwar einmal von Schopenhauer abgesehen, keine Realisten. Durch ihre Funktion der Verdrängung. Nur Verdrängung macht menschliches ungeteiltes Glück möglich.

Ich darf zitieren Wolfgang Schirrmacher: Schopenhauers Ethik im 21. Jahrhundert: „Er (Schopenhauer) verkörperte lediglich die eine Ausnahme von der ehernen Regel, dass durch Selbstmord endet, wer ohne Schutzpanzer gegen das Leid der Existenz geboren wurde. Denn kein Gott gab uns zu sagen, wie sehr wir leiden! Wer ungeschützt erleiden muss, wie die Welt ist, dessen Schrei verstummt durch eigene Hand. Schopenhauer ist der Selbstmörder, der am Leben blieb - das ist der Kern seiner philosophischen Originalität.“ Er zog so viel positive Energie aus seinem schöpferischen Tun ab und gewann so viel Sicherheit in Glaubensfragen, dass er gegenüber dem Sog einer vernichtenden  Depression immun wurde. Das wollen wir feiern. Immerhin gab es depressive Schwankungen: 


Möbius findet bei Schopenhauer Zeiten stärkerer Depression: 1805 (nach dem Tod seines Vaters), 1813 (während  seiner Dissertation), 1823 in München und 1832 in Frankfurt. Bezüglich seines Charakters seien Ängstlichkeit und Misstrauen ein durchgehender Zug gewesen.

 Möbius: „Schopenhauer ist der Philosoph des Pessimismus geworden, weil er von Anfang an krankhaft war. Nicht die Erkenntnis der Übel der Welt hat ihn dazu gemacht, sondern er hat die Übel aufgesucht und geschildert, weil er Belege für seine lebensfeindliche Stimmung brauchte.“

Ich sehe es anders. De facto ist diese Welt schrecklich und auf Fressen und Gefressenwerden aufgebaut. Der „Gesunde“ ist durch einen besonderen Stoffwechsel, der ihn im Grunde etwas manisch macht, vor einer Depression geschützt, die ihn ohne diese Stoffwechselkonstruktion überfallen wurde. Dieser Stoffwechsel ist beim Kranken gestört, entweder angeboren oder im Krankheitsverlauf erworben. Das ist nicht geklärt.

 

Der äußerlich Gesunde hat mehrere Hormone und Botenstoffe in seinen Synapsen, den Nervenendigungen, die ein Abrücken von der Realität ermöglichen und ihn - ich möchte sagen - künstlich glücklich machen. Hierunter fallen die Hormone Adrenalin, Testosteron, Östrogen, Dopamin, Serotonin und Noradrenalin bzw. die so genannten Endorphine, also morphiumartige Substanzen, dem Morphium chemisch verwandt. Es sind dies die Glücksbringer, die uns bei ihrem Fehlen oder Mangel in einen desolaten Zustand versetzen. Unglückshormone gibt es dagegen - soweit heute bekannt - nicht. Sie hätten keinen „Sinn“. Das psychiatrische Unglück resultiert folglich und letztlich durch ein Fehlen besagter Glückshormone. Der phänomenologisch Gesunde wird durch einen Trick der Natur in einen künstlichen Glückszustand, in eine künstliche relative Manie versetzt.

 

Man kann auch behaupten, dass durch einen Kunstgriff der Natur es einem Naturwesen erst möglich wird, in einer anders nicht aushaltbaren Natur zu überleben, die sich auf Fressen und Gefressenwerden spezialisiert hat. Emotionaler Stress, schlechte Erfahrungen, innere Kämpfe und auch Schuldgefühle entleeren den synaptischen Spalt von Glückshormonen und ein Nachschub findet ungenügend statt. Es resultiert eine Depression. Ein solcher Kampf kann zunächst auch kurzfristig zu einer paradoxen Überfüllung des Synapsenspaltes mit Hormonen führen, sodass Manie resultiert. Diese wird dann nahezu regelhaft dann von einer Depression abgelöst. Zur Manie tendierende Menschen, so meine Erfahrung, sind an sich primär Optimisten und kämpferische Naturen.

Bei Manisch-Depressiven kommt der Satz „Ich bin Jesus“ relativ häufig vor, besonders bei Mischzuständen. Diese sind das zeitgleiche Auftreten von Depression und Manie. Es ist ein Zeichen einer hochgradigen Übererregung des Gehirns - und weniger glücks- als angstbesetzt. Jesussein bedeutete für einen meiner Patienten, auch zu glauben oder zu „wissen“, dessen Ende zu haben. An einem Kreuz. Oft ist auch der Glaube, Jesus zu sein, die Abwehr des unerträglichen Gedankens, der größte Sünder zu sein. Es ist ein Hilferuf an die Umwelt. Wenn Nietzsche letzte Briefe mit „Der Gekreuzigte“ unterschreibt, mag auch er dieses Problem gehabt haben. Auf jeden Fall hat er mehr gelitten als der Gekreuzigte.

 

Die Manie ist also eine Spielart der Depression mit einer Überhäufung des synaptischen Spaltes mit Neurotransmittern zur Abwehr einer drohenden Depression. Sie ist pharmakologisch vergleichbar mit einer Überhäufung des Organismus durch Heroin bei einer entsprechenden Injektion, verbunden mit Übererregbarkeit, Glücksgefühl und überwertigen Ideen.

 

Der endogen Depressive sieht seine Umwelt als manisch an. Weil er damit in gewisser Weise Recht hat, ist Schopenhauer für einen Depressiven ein guter Trost. Er versteht, dass er nicht verrückt ist. Er sieht die Gesunden als verrückt an und liegt im Sinne Schopenhauers damit richtig. Schopenhauer und Gott: „Wenn ein Gott diese Welt gemacht hat, so möchte ich nicht dieser Gott sein: Ihr Jammer würde mir das Herz zerreißen“. Natürlich gab es nicht diese angebliche Erderschaffung innerhalb von 6 Tagen. Unser Dasein entspringt keiner Intention. Die sog. intentionale Weltauffassung können wir zu den Akten legen. Schon das Paradies war keines. Das wussten die damaligen Frösche. Die wurden von der Nichtvegetarierin Schlange schon damals ebenso lebendig wie langsam verschlungen - und unter Luftabschluss verdaut.

 

Schopenhauer äußert sich auch über den Mensch und Gewalt: „Durch den Anblick des fremden Leidens, welches er (der Mensch, der Verf.) zugleich als eine Äußerung seiner Macht erkennt, das eigene zu mildern. Fremdes Leiden wird zum Selbstzweck an sich, ist ihm ein Anblick, an dem er sich weidet: Und so entsteht die Erscheinung der eigentlichen Grausamkeit“.

Hiernach verursacht Anblick fremden Leides eine Reduktion eigener unterschwelliger Depression. Sadismus ist damit auch Mittel zur Abwehr von Depression. Sadismus ist somit endlich behandelbar! Täglich gibt es im TV Folter zu sehen,  und täglich mehr. Dies ist eine Traumatherapie nach Schopenhauer. Man sitzt gemütlich und vor allem sicher beim Wein und Knabberkeksen - während rabiateste Folter zu sehen ist oder beschrieben wird. Tatort am 14.4.2013: Neun Zehennägel wurden da jemandem ausgerissen. Wir fragen uns irritiert: Warum nicht der zehnte auch noch?

 

Schopenhauer wusste: Einen Schöpfer kann es im Hinblick auf die Grausamkeiten dieser Erde nicht geben. Nur ein Sadist kann Fleischfresser schöpfen und sagen: "Alles ist so toll geworden".  So ist der Denker allen ekklesiogen Depressiven ein Trost. Die sehen nämlich die Welt wie Schopenhauer. Und können die Fröhlichkeit der "Gesunden" nicht begreifen. Denn die ist ein Kunstprodukt. 

 

 

 

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