Das Mensch-Syndrom

und das Alams-System (Anti-Leid-Anti-Mitleid-System)

von F. Sacco

 

Publiziert am 12. April 2017 von Wilfried Müller

  

 

Vorwort Müller: Der Mencken-Spruch ist das richtige Geleitwort für den Sacco-Artikel. Frank Sacco, Doktor der Medizin, befasst sich mit religionserzeugten Formen des Leidens und der Depression, sowie den Ursachen von Gewalt. Dazu spricht er vom Anti-Leid-Anti-Mitleid-System (Alams). Menschen, die nicht über das System Alams verfügen bzw. es nicht aktivieren können, heißen bei Sacco Elefanten.

 

 

Das Mensch-Syndrom und das  Alams-System (Anti-Leid-Anti-Mitleid-System) 

 

Als das  Mensch-Syndrom bezeichne ich  eine spezifische Krankheit des äußerlich oft gesund wirkenden Menschen. Ich gehe davon aus, dass es einen gesunden Vertreter unserer Gattung gar nicht gibt.

Das Syndrom ist gekennzeichnet erstens durch die intellektuelle Möglichkeit des Erkennens der negativen Seite der Realität, also des Erkennens, dass man, einmal geboren,  schwer leiden oder sogar gefoltert werden kann bzw. dass eine wirkliche Möglichkeit während der Lebenszeit dazu besteht, zweitens durch die daraus entstehende manifeste oder larvierte Depression. Diese stellt sich zwangsläufig durch die Erfassung der Realität ein. Drittens ist das Syndrom gekennzeichnet durch die Bearbeitung dieser Depression mit Hilfe der Abwehr dieser oft unerträglichen Gedanken, d. h. der Verdrängung von Gewalt und ggf. einer Gewaltverherrlichung bzw. eigener Gewaltausübung (Sado-Masochismus).

 

Ein Beispiel ist die Verherrlichung eines gewalttätigen Gottes oder Führers, der die eigene Sache zu unterstützen scheint, oder das Zusehen bei ausgeführter Gewalt in Film, Fernsehen oder in der Realität. Die beschriebenen Symptome  sind typisch menschliche Erscheinungsweisen, also beim Tier in der Form nicht nachzuweisen. Schon Thomas Hobbes, 1588-1679, meint, menschlicher Wille sei nicht frei, sondern von Furcht und konsekutiver Gier bestimmt.  Der Mensch ist ein furchtbar ängstliches und gehetztes tierisches Wesen – aus seiner furchtbaren Einsicht heraus. Macht wolle er aus purer Angst, so Hobbes.  Ein Gesellschaftervertrag sei nötig, um einem Staat Gelegenheit zu geben, diesen Menschen zu zivilisieren, seine Besitzsucht und sein übermäßiges Rivalisieren einzudämmen. Das setzt natürlich einen zivilisierten Staat voraus. Gibt es den? Ist unser Staat zivilisiert, wenn er Kirche so zulässt, wie sie ist, und sie sogar  in den staatlichen Religionsunterricht hineinlässt?

 

Ursache der Gewalt beim Menschen ist bzw. wäre also die intellektuell erfasste Realität bzw. Wahrheit dieser Erde, der meist verdrängte Gedanke an mögliche  Folter am eigenen Leib und der Versuch, sich vor ihr zu schützen. Würden Wale sich im Meer Fernseher aufstellen und da allabendlich ansehen, wie andere Wale ihre Artgenossen foltern, wir wurden denken, die Wale sind verrückt geworden. Der Mensch ist in diesem Sinne verrückt geworden: Durch seine Angst, durch seine Panik. Bilder purer Gewalt, Folterbilder, wir sehen sie allabendlich und besonders im "Tatort". Sie können beim Zuschauer Mitleid und Schuldgefühle hervorrufen, werden aber nur selten Initiativen für eine Änderung des Status quo bewirken. Ein Beispiel: die Massentierhaltung. Der Mensch hat ein System, in dieser grausamen Welt ohne Suizid zurechtzukommen. Er muss es haben. Ich habe es vor Jahren das ALAMS-System genannt und darüber gearbeitet.  Das Anti-Leid-Anti-Mitleid-System. Die Möglichkeit eigenen Leides wird verdrängt und Mitleid, das auch eigenes Leid bedeutet, auf ein erträgliches Maß zurückgeschraubt und leider oft gänzlich eingestellt (KZ Aufseher).

 

Höchste Moral und höchste Amoral können in einem Menschen parallel existieren – ja es scheint dies, die multiple Persönlichkeit,  eine Regel zu sein. Ein Friedensnobelpreisträger und ein Professor für Soziologie können vormittags die Schandtat des Holocaust in der NS-Zeit anprangern,  am Abend indes in Ehrfurcht einen Gott anbeten, der den Holocaust Sintflut begangen hat. Bei der Ehrfurcht liegt meist die Betonung auf der Furcht. Wir erweisen auch und speziell aus Furcht Despoten Ehre, ja wir lieben sie.  Auch der in der Bibel uns so überlieferte Jesus, dieser uns als so "sündenfrei" dargestellte und in aller Regel solchermaßen verinnerlichte Mensch, betete zu dem Gott der Sintflut und Sodom und Gomorrhas. Ja er kam in Lukas 17 selbst auf die amoralische Idee, selbst im Falle der Wiederkehr einen Holocaust, nämlich die Apokalypse durchzuführen. Mit dieser Drohung machte „er“, bzw. seine Erfinder die Kinder Würzburgs krank, siehe dort.

 

Mit dem Satz "Alle Deine Gerichte sind gerecht", disqualifizierten sich bisher alle Päpste bezüglich ihrer Moral. Eine Folterhölle und eine Sintflut sind nun einmal nicht gerecht. Hunderttausende jubelten in Köln einem Papst zu, dem die UN die Mitschuld am Massensterben (Aids)  in Afrika gab. Die böse Seite einer Person wird verdrängt – und speziell dann, wenn sie Macht über die ihm zujubelnde Person hat. Der Papst kann, so steht es in Joh. 20, Sünden in der gleichen Qualität und Endgültigkeit vergeben wie Jesus. Er kann segnen.

 

Ein "völlig liebes Kind" kann plötzlich einem Maikäfer die Beine einzeln herausziehen. Bei den Nürnberger Prozessen wurden den Tätern von Auschwitz erklärt, was sie getan hatten. Plötzlich erkannten etliche ihre Untat als Untat und erhängten sich in ihren Zellen. Die Grausamkeit des Menschen hat also tatsächlich  ihre Banalität. Sie ist aber ein für ihn völlig normales Abwehrsystem. Er wehrt sich gegen eine Natur, die er sonst nicht aushalten kann. Das relativiert die Schuld eines Vertreters der Gattung Mensch.

Es gibt nun Menschen, Elefanten nenne ich sie, und Schopenhauer war ein solches Exemplar, die über das System Alams nicht verfügen bzw. es nicht aktivieren können.  Und die doch überleben. Sie haben Kompensationsmechanismen. Wir sollten sie bemerken und  beachten. Die Welt wird ein Stück weit besser, wenn wir die Kraft haben, ihnen eine Weile zuzuhören. Es gibt kleine und große Elefanten, junge und alte. Neulich im Radio sagte ein kleines Kind dem Pastor bei einem Gedanken an die Sintflut: "Da sind ja noch Tiere, die nicht mit auf die Arche können!"  Eine hochpeinliche Situation. Das Kind war, wie es viele Kinder noch sind, ein Seher und hatte daher Ungerechtigkeit und Grausamkeit „Gottes“ bemerkt und sich geäußert – was bei Kindern selten ist.  Da der  Pastor betreten schwieg, sagte das Kind: "Die nehmen dann wohl das nächste Schiff."

 

Die meisten Elefanten haben einen langen Weg hinter sich. Manche leben in Klöstern im Himalaja, unter den Flussbrücken, manche in Entzugskliniken, manche können nicht mehr sprechen: Sie haben sich gerade erhängt. Goethe wusste: Wer die Wahrheit erfahren will, erfährt sie in den geschlossenen Psychiatrien. Und Nietzsche war nach einem „flüchtigen Gang“ über die Psychiatrieflure klar, dass die Erkrankungen ecclesiogen sind. Heute sind die Psychiatriebewohner durch Medikamente so ziemlich äußerungs- bis bewegungsunfähig gemacht. Man will auch ihre Äußerungen gar nicht hören. Man will solche Wahrheiten nicht. Das ist nur zu verständlich, sollte sich aber wieder wenigstens etwas  ändern.

 

 

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Die "Straßenmission glaubensfroher Christen" macht unsere Kinder unfroh und krank: 

„Der Sünder, der nach seinem Tod im unauslöschlichen Flammenmeer der Hölle ewige Pein leidet, erntet genau das, was er gesät hat.“

Ein Sacco-Suizid. Häufig, aber unnötig wie ein Kropf.

 

In der Vorhölle, Akryl, 2002
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