Der Weissensee in Kärnten

 

 Kant, eine Psychoanalyse                                                                       von Frank Sacco

 

Mit Kant ist es nicht einfach. Er liest sich schwer. Er verschachtelt seine Sätze, die oft eine halbe Seite einnehmen. Er erscheint unklar und zu  kompliziert für den allgemeinen Kulturbetrieb. Vielleicht ist es Kants Absicht: Er will sich nicht festlegen. Ich meine, er verstand nichts von Religion. In seinen Gedanken über die reine Vernunft ist er noch recht vernünftig. Man könne Gott, die Seele, das Unsterbliche und die Freiheit (als Ideen) nicht erkennen bzw. beweisen. Von Wundern hält er nichts. 

Doch dann wird er romantisch: in der praktischen Vernunft kreiert er die absolute Notwendigkeit von Religion. Dass der Mensch frei ist, eine unsterbliche Seele besitzt, dass ein Wesen von höchster Reinheit und Güte die Welt regiere, das müsse der Mensch so ansehen, als ob es sich so verhielte. Es seien regulative Prinzipien, ein ideales Ziel der Vernunft im engeren und höchsten Sinn. Die praktische Vernunft habe sogar das Primat gegen vor der theoretischen. Für die spekulative Vernunft sind Glaubensangelegenheiten nur bloße Möglichkeiten, für die moralische Vernunft seien sie Wirklichkeiten, Notwendigkeiten und kategorische Gebote.

 

„Ich musste das Wissen aufheben, um zum Glauben Platz zu bekommen“, so Kant. Damit stellte er den Glauben gegen alle wissenschaftlichen Einsprüche sicher. Göttliche Strafen sieht er als Funktionen an, das Böse aus und das Gute in diese Welt zu bekommen (Zweites Stück: „Vom Kampf des guten Prinzips mit dem bösen“). Die Vorstellung  eines „unabsehlichen Elends“ und einer „unseligen Ewigkeit“ sei mächtig genug, die Guten zu beruhigen und zu befestigen, in den Bösen aber die „Aufweckung des richtenden Gewissens“ zu bewirken. Dass es vorwiegend die „Guten“ sind, die unsere Psychiatrien füllen, die Guten mit einem durch die Religionsvertreter zu eng gemachten  Gewissen, erwähnt Kant nicht. Er erwähnt nicht die Unfreiheit, die Angst und existentielle Not der Geschädigten in der Psychiatrie. Ihm fehlt die Erfahrung Nietzsches: ein flüchtiger Gang über die Flure eines Irrenhauses, der ihn aufgeklärt hätte über die Nebenwirkungen einer fundamentalistisch-terroristischen Religion wie der „christlichen“. In seiner Kritik der reinen Vernunft hätte Kant die gesamte Metaphysik mit ihrer ungeheuren Brutalität in Luft auflösen können. Aber dann verbleiben Vernunft und Glaube  nebeneinander. Ja  der Glaube habe sogar Vorrang vor der Vernunft, denn für eine Moralentstehung sei eine entsprechende Gottesvorstellung erforderlich. Er baute demnach auf Zuckerbrot (den Himmel) und die Peitsche (die Hölle) zur Moralentstehung. Ein eigenverantwortliches Gutsein lag außerhalb seines praktischen Denkens. Er geht damit konform mit dem heutigen Vatikan und ist insofern „modern“. 

Doch waren es nicht Christen, die Auschwitz machten? Zum Christ ursprünglich erzogene Menschen? Kann die Menschheit moralisch tiefer sinken als mit den Religionen, mit dem  sog. Christentum?

 

Damit idealisiert Kant die Religionen. Es ist zwar in der Tat so, dass die Angst vor Höllenstrafen auch gewisse Menschen sozialisiert, etwas, was unsere heutigen Soziologen partout nicht wahrhaben wollen. Doch die bisher erfundenen Götter sind großenteils die größten Verbrecher und stiften dazu ihre Gläubigen zu üblen Verbrechen an: Der Christengott der  Bibel legt den ersten Holocaust hin und nimmt dazu (als Folterinstrument) Regenwasser. Mit seiner Abtötung der Menschheit lässt er sich ein Jahr Zeit. Er befiehlt Israel die Tötung aller kanaanitischen Kinder, ganz abzusehen von dem Befehl der Schlachtung aller männlichen Homosexuellen und der Steinigung ehebrecherischer Ehefrauen. Nahezu alle irdischen Despoten, Hitler inklusive,  arbeiten bzw. arbeiteten mit dem „lieben“ Gott bzw. seiner gewalttätigen Seite. Der katholische Dogmatiker Michael Schmauß hat noch in den 70er Jahren die Auffassung vertreten, im Holocaust sei Gott am Werk gewesen, um sein Volk, die Juden,  zu Christus zu bekehren (s.  DIE WELT vom 23.3.05). So macht man einen („unseren“) Gott zum Täter in Auschwitz – und lässt ihn dessen ungeachtet als Saubermann vor Kindern (!) weiter durchgehen. Und so säubert man auch Hitler und sein näheres Gefolge. 

Was Kant nicht erkannte: Religionen werden geboren, indem sich hohe menschliche Intelligenz und ein rigoroser Machtwille in Verbrechern zusammenfindet. Wenn also bspw. ewige Folter in einem erfundenen Jenseits erdacht wird, des Weiteren tausende von sog. „Sünden“, die dorthin führen sollen, und dazu recht aufwendige, völlig unsichere und dazu noch teure Auswege, dem gepredigten ewigen Feuer (siehe Bergpredigt) zu entkommen. Wo das mühsam Ersparte hingeht, sagt uns ein kurzer Rundflug über den Vatikan. Als Lockmittel werden ein im Prinzip immer helfen könnender Gott und ein ewiges Paradies eingesetzt. Ein Schema F also. Nichts ist so billig zu haben wie das Angst machen vor ewiger Folter und ein Lust machen auf ewige Sorgenfreiheit. Der Abriss des Straßburger Münster und das Verbot aller Religionen, Dinge also, die in der Aufklärung gefordert wurden, kommen für Kant nicht in Betracht. Der Vernunft in der Religion versperrt Kant also den Zugang. Warum? Hatte er ein Sacco-Syndrom und Sündengefühle wegen seiner Kritik an der Religion, seiner Kritik am (überflüssigen) Beten und an der Unglaubwürdigkeit von Wundern?

 

Kant hatte fromme Eltern. Die Mutter war strenge, überzeugte Pietistin. Ein  Sacco-Syndrom  des Sohnes ist da doch recht naheliegend. Das Syndrom  würde sich  hier nicht in einer sichtbaren Erkrankung zeigen, wie bei Nietzsche, Freud und Hölderlin, aber in dem Symptom einer Unterwerfung unter die herrschende Religion. Sie macht zwar frei von ecclesiogenen Symptomen, führt aber in das Gefängnis einer Unterwerfung unter diverse Dogmen der Gewaltkirche.

Ein jeder könne „selbst durch seine eigene Vernunft  den Willen Gottes, der seiner Religion zum Grunde liegt“ erkennen. Die moralischen Gesetze seien im „Bewusstsein“ vorhanden. Es gebe daher nur „eine Religion“, die moralische. Doch ist es so einfach? Ist nicht die Moral landes- und religionstypisch sehr verschieden? Gelten nicht dort die Tötung Ungläubiger, und anderswo das Schafott oder gar eine ewige Höllenstrafe für sündige Gedanken als göttliche Moral, der auf Erden gewissenhaft nachzueifern ist? Ist nicht auch die „Vernunft“ so sehr verschieden und uns ein so flüchtiger Freund, dass es die „Vernunftreligion“ Kants nicht geben kann? Überhaupt: Was ist Vernunft? Vernünftig war die Weisung Jahwes an sein Volk, alle kanaanitischen Babys zu töten. Damit hatte das Volk Israel auch für die nähere Zukunft keinerlei Probleme mit der „göttlich angeordneten“ Landnahme. Sind nicht Nietzsches kranke Überlegungen „vernünftig“, „durch Züchtung und andererseits durch Vernichtung von Millionen Missratener den zukünftigen Menschen zu gestalten und nicht zu Grund zu gehen an dem Leid, das man schafft und dessengleichen noch nie da war“.

 

Doch wer sind die Götter wirklich? Analytisch gesehen sind es Projektionen von überwiegend bösen Menschen mit einer entsprechend bösen „Moral“, einer Unmoral. Folter ist eine rein menschliche und niemals eine göttliche Erfindung. Diese Projektionen  sind das Gegenteil von dem, was Kant sich unter einem Gott vorstellte. Er hat seine Philosophie ohne den Wirt, ohne die Erfinder des jeweiligen Glaubens gemacht. Selbst der Jesus der Bibel  ist, was von Kant und bis heute kollektiv verdrängt wird, ein übler Verbrecher, plant er ja als „Mensch“ und „Auferstandener“ mit seiner Apokalypse an unseren Gesetzen vorbei einen weiteren Holocaust. Ich zeigte diesen Jesus an: Die Staatsanwaltschaft Freiburg i. Br.: Der Herr sei definitiv gestorben und damit nicht mehr „existent“.  Na also. Es geht doch. 

Das Resultat menschlicher Intelligenz ist nicht immer Freundlichkeit. Das sieht man speziell bei den Religionen. Sie gehören abgeschafft. Doch wenn schon Religion, so muss sie sich strikt Abkehren von einem jeglichen „Richten“ und Strafen bzw. Foltern, also von Bedrohungen. Religionen, die nicht grundgesetzkompatibel sind und Krankheiten hervorrufen wie das Christentum, gehören bekämpft. Jegliche Toleranz, auf die ich fortwährend besonders bei „Humanisten“ stoße,  hat da zu unterbleiben. 

Doch nach Bischof N. Schneider besteht das „Geschäft“ der Kirche ja gerade in der Implantation von Ängsten vor Gott, vor dem dem Jenseits, was er dann auch fleißig betreibt.  Dass diese massiven Ängste im kollektiven Unbewussten vorhanden sind, erkennt man an der Unterwürfigkeit der Bevölkerung, der Politik und der Jurisprudenz. Und an den Insassen unserer geschlossenen Psychiatrien. Diese Gesellschaft lässt nicht nur den Kirchen nahezu alles durchgehen, man bekämpft auch Kritiker der Kirchendogmen. 

 

Kant Nachtrag:

 

In seiner Kritik der reinen Vernunft hätte Kant die gesamte Metaphysik mit ihrer ungeheuren Brutalität in Luft auflösen können. Aber dann zieht er, wie wir hier in der Nordheide sagen,  den Schwanz ein und Vernunft und Glaube verbleiben nebeneinander. Ja  der Glaube habe sogar Vorrang vor der Vernunft. Denn für eine Moralentstehung sei eine entsprechende Gottesvorstellung erforderlich. Atheisten wird hier die Ausbildung von Moral abgesprochen. Der Vernunft in der Religion versperrt Kant also den Zugang. Warum? Hatte er ein Sacco-Syndrom und Sündengefühle wegen seiner Kritik an der Religion, seiner Kritik am (überflüssigen) Beten und an der Unglaubwürdigkeit von Wundern?

Kant hatte fromme Eltern. Die Mutter war strenge, überzeugte Pietistin. Ein  Sacco-Syndrom  des Sohnes ist da doch sehr  naheliegend. Das Syndrom  würde sich  hier nicht in einer sichtbaren Erkrankung zeigen, wie bei Nietzsche, Freud und Hölderlin, aber in dem Symptom einer Unterwerfung unter die herrschende Religion. Sie macht zwar frei von ecclesiogenen Symptomen, führt aber in das Gefängnis einer Unterwerfung unter diverse Dogmen der Gewaltkirche. 

 

 

Mit Kant und der Religion ist das so eine Sache. Man könne Gott und ein Weiterleben nach dem Tod nicht beweisen, doch sei es notwendig, das als Wirklichkeit anzunehmen.  Denn sonst könne sich keine Moral entwickeln. Er baute demnach auf Zuckerbrot (den Himmel) und die Peitsche (die Hölle) zur Moralentstehung. Ein eigenverantwortliches Gutsein lag außerhalb seines praktischen Denkens. Er geht damit konform mit dem heutigen Vatikan und ist insofern „modern“. 

Doch waren es nicht Christen, die Auschwitz machten? Zum Christ ursprünglich erzogene Menschen? Kann die Menschheit moralisch tiefer sinken als mit den Religionen, mit dem  sog. Christentum? 

 

 

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Die "Straßenmission glaubensfroher Christen" macht unsere Kinder unfroh und krank: 

„Der Sünder, der nach seinem Tod im unauslöschlichen Flammenmeer der Hölle ewige Pein leidet, erntet genau das, was er gesät hat.“

Ein Sacco-Suizid. Häufig, aber unnötig wie ein Kropf.

 

In der Vorhölle, Akryl, 2002
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